Vom langsamen Wandel der Buchbranche

Es ist ziemlich genau drei Jahre her, dass der Buchbranche der große Umbruch diagnostiziert wurde.
Die Digitalisierungswelle hätte den Buchmarkt nun ergriffen, hieß es.
Buchhändler und Buchmacher würden ihr Business nun in rasantem Tempo verändern (müssen).

Digitale Konzepte; dasselbe in Grün, oder?

Tatsächlich hat sich seit dem Jahr 2014 bis heute eine Stimmungslage gefestigt, die jeder aufmerksame Beobachter als “beunruhigend instabil” bestätigen kann. Der große Zusammenbruch oder tiefgreifende Wandel blieb aber aus.

Die großen Publikumsverlage setzten pflichtschuldig ihre Portale ins Netz. Man blies einige E-Books (ja, wohin eigentlich? Zu Amazon?) auf die handvoll E-Reader, die sich hielten. Und machte sonst im Wesentlichen weiter wie bisher. Teils weil man es nicht besser wusste, teils vielleicht auch aus Trotz, denn: es lief ja noch. Anders ausgedrückt: ein jahrhundertealter Puffer dämpft – es tut noch nicht weh genug.

Digitale Leser wollen mehr

In besserer Position als die Buchverlage schienen wegen des Aktualitätsgehalts die Tagesmedien zu sein. Und ihr Portfolio zugleich besser digitalisieren zu können: die Zeitung ins Web bringen, so schwer kann das doch nicht sein, dachte man sich. Abo oder freiwillig, oder pay-per-view – über die Abrechnung sei noch zu reden, aber das schien ein lösbares Problem.

Inzwischen weiß man, dass das digitale Momentum unterschätzt wurde. Nicht nur, dass die Leser für digitale Inhalte nicht zahlen wollen. Sie erkennen nicht mal mehr die Autorität der Verlagsredaktionen über Inhalte an. Sie lesen einfach, wo sie wollen! Nicht obwohl, sondern gerade weil sie glaubhafte und unterhaltsame Quellen suchen.

Abwärtsspirale im Zeitungsmarkt

Die Ende April 2017 veröffentlichten Auflagenzahlen der großes Tages- und Wochenzeitungen belegen, dass auch selbst großen Marken, die stark in digitalen Ergänzungsservice und Unterhaltungsplattformen investieren, keinen Weg finden, die Verlustlawine im Print zu stoppen.

Auch den regionalen Zeitungen ergeht es nicht besser. Verständlich, mag man zunächst denken, die sie digital weniger investieren können.

Andererseits verfügen sie über den großen Vorteil, oft die relevanteren Services für die Leserschaft bieten zu können und durch die in Deutschland stark ausgeprägte lokale Identität auf eine stärkere Loyalität der Leser, die vielfach nur noch Abonnenten sind, zählen zu können. Wie auch immer: es hilft ihnen bisher nicht.

Blast from the past – wie wenig sich wirklich getan hat

In über 10 Jahren Bloggerkarriere hat sich der E-Commerce Berater Jochen Krisch einen Namen gemacht. Und in dieses Interview aus dem Jahr 2014 zeigt, wie ernst es ihm mit der Beobachtung der Buchbranche einmal war.

(Die Vergangenheitsform steht hier zurecht, denn nachdem sich gut 1,5 Jahre eine eigene Kategorie “Buch” hielt, ist sie nun sang- und klanglos in den Untiefen des Blogarchivs verschwunden. Von den kompeten Gastautoren keine Zeile mehr zu lesen. Es ging dem tempogewöhnten digitalen Community offenbar nicht schnell genug.)

Der wahrscheinlich interessanteste Satz ist die Empfehlung, mehr an das Lesen zu denken als an das Buch. Die auch heute aktueller nicht sein könnte, und noch immer für viele in weiter Ferne schwebt. (Und auch das Problem Amazon ist noch da, und eher größer als früher.)

 

Kommt (digitaler) Content bald (wieder) von Verlagen?

Nach den letzten eingestellten Community Plattformen und langem Schweigen im Bücherwald traut sich nun Bastei Lübbe endlich wieder an die neue Art zu lesen heran.

Mit oolipo schieben sie ein erstmals genuin mobiles Wagnisprojekt in den Markt, das ernsthaft cross-medial und buchformlos ist. Der Launch ist auf dem iPhone ist noch frisch (Ende März 2017), die Android-Gemeinschaft wartet noch. Kann dies der Weg sein, um die Social Plattformen vom Lektüremonopol wieder auf die Netzwerker-Ränge zu verweisen?