Selfpublishing ist ein Dauerbrenner. Anfänglich vor allem von den großen Verlagen belächelt, hat sich das Segment der Selbstverleger (oder wie ich es lieber nenne “Autorenunternehmer“) hartnäckig durch- und in die Branche gebissen.

Wer schreibt hier eigentlich?

Aus Analystensicht interessiert mich vor allem die Frage, wie und wodurch genau Selfpublishing und die neuen Geschäftsmodelle, die sich darum scharen, die Digitalierung der Buchbranche vorantreiben. Denn in diesem Bereich wartet man seit Jahren auf den großen Knall, der den Markt, wie wir ihn traditionell kennen, über den Haufen wirft.

Aus Autorensicht frage ich mich ganz praktisch und handwerklich, welche Fertigkeiten derzeit am wichtigsten und erfolgversprechendsten sind. Das ist im Laufe der Zeit nämlich durchaus einem Wandel unterworfen.

Während in der Anfangszeit der Text allein ausschlaggebend war und hungrige Leser ist schmerzfrei auch auf die grässlichsten Cover stürzten; ist heute ein breite Leserschaft kaum noch ohne gezieltes Know-How im Digitalmarketing und Community Management zu gewinnen.

 

Zwei Wege zum Selfpublishing

Aus meiner Erfahrung sind es vor allem zwei, sehr unterschiedliche, Beweggründe, die Schreibende zum Selfpublishing führen. Und entsprechend unterschiedlich sind die Leute, mit denen man im Gespräch zu tun haben kann, wenn einem der Gegenüber als ‘Selfpublisher’ vorgestellt wird

1. Weil es leicht ist,

kommt der ein oder andere Gelegenheitsautor, vor allem der jüngeren Generation zum Selfpublishing. Fanfiction, Gedichte, Liebesgeschichten, was einem so aus der Feder fließt oder auf der Seele liegt: man muss sich keinem Expertenkreis stellen; keine geschäftlichen Überlegungen anstellen und kann trotzdem einfach mal etwas Lesbares in die Welt senden. Der Gedanke ist so reizvoll wie befreiend. Selfpublishing hat die Latte tiefer gehängt.

2. Weil es schwer ist,

…und genau das angestrebt wird; aus dieser Überlegung kommt das ganz andere Lager auf die Idee auf eigene Faust zu verlegen. Das sind meist diejenigen, die nicht zum ersten Mal über Deadlines, Satz und Promotion nachdenken. Vielleicht wurden sie aufgrund ganz konkreter (schlechter) Erfahrungen auf die alternative Seite getrieben. Vielleicht wissen sie, dass sie selbst oder jemand anderes, den sie selbst beauftragen, mehr Erfolg haben kann. Vielleicht treibt sie aber auch nur der Gedanke an, etwas neues auszuprobieren, das möglicherweise sehr gut werden kann…; aber niemand außer ihnen selbst bereit ist, das Risiko zu tragen.
Mit diesen Zielen vor Augen ist Selfpublishing schwer, bedeutet harte Arbeit und kompliziertes Networking, denn es geht nur dem Namen nach scheinbar im Alleingang. Für die Experimentierer, die Enterpreneure unter den Schreibenden hat Selfpublishing die Welt ein gehöriges Stück komplizierter gemacht.
Komplizierter, aber auch aufregender: denn in der alten Welt hätte es keine anderen Option als die ewige Verlagssuche oder das Begraben der Idee gegeben.

 

Vom alten und neuen und hybriden Publishing

Wie so viele Beispiele und Diskussionen in der letzten Zeit bringt mich das wieder zu dieser einen Frage, die fast schon Quizzshow-Qualität hat:

Wer und was sind Verleger; was zeichnet sie aus? Und brauchen wir noch Verleger vom alten Schlag? Und wenn nicht, welche Kompetenzen und Qualitäten sind heute wichtig?

Unternehmergeist braucht man, das war schon immer so und ändert sich nicht. Gespür für Literatur. Ein Gefühl für Gefühl und Dramaturgie und Verhandlungsgeschick. Und vor allem: ein Gefühl für das, was gelesen wird.

Oder besser: wofür die Leser bereit sind, Geld zu bezahlen. Genau dieses Gefühl ist vielen klassischen Printverlegern abhanden gekommen. Viel zu sehr ist man nach wie vor davon überzeugt, den Massen diktieren zu können, was sie lesen wollen. Und damit hat man die Self- und Indiepublishing-Szene überhaupt erst so groß gemacht. Gerade sie, die Querköpfe, denen es im ersten Schritt fast nie ums Geld ging.

Tatsächlich kann gerade bei hoher Reichweite das Geldverdienen mit der Literatur selbst zur Nebensache werden. Dann nämlich, wenn man auf die zum Teil extrem talentierten und erfahrenen Blogging-Talente schaut. Sicher, ein Best-of-Buch muss auch bei diesen Autoren irgendwann her. Aber das tägliche Brot wird mit Werbung, Beraterverträgen und Kooperationen verdient. Den Content geben sie gratis, for free. (“Free” nicht wie in “freedom”, sondern wie in “free beer”.)

 

Success Story zum Weiterlesen

Von einem Grenzgänger, einer Wandlerin zwischen den Welten erzählte vor einigen Monaten die Frankfurter Rundschau mit einem eindrucksvollen Porträt. Es zeigt, wie sich im “Hybridautoren” klassische und digitale Geschäftsmodelle treffen können; und wie viel unglaublich harte Arbeit und Berechnung hinter einem Selfpublishing-Erfolg liegen.

Hier nun der Beitrag über die erfolgreiche “Inselautorin” Ivonne Keller alias Stina Jensen:

http://www.fr.de/kultur/literatur/ivonne-keller-als-hybridautorin-nischen-finden-a-1328909

 

Autorenphänomen
Atmosphere Shot by “Death to Stock”/Into the Light